I DO NOT BELIEVE IN WORK

Tagebuch eines Arbeitsverweigerungsexperiments

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du weißt ja, welche gedanken mich in den letzten jahren so auf trab gehalten haben. mein berufswunsch und meine studienwahl waren nicht so wirklich ein bestandteil meiner gedankenwelt. ich hab meine entscheidung als relativ eindeutig eingestuft. den berufswunsch, lehrerin zu werden, hatte ich seit der 10. klasse, und einmal das studium angefangen, mäßig zeit und viele nerven investiert, stand gar nicht wirklich zur debatte, das nicht so weiter zu führen. ich habe schon nicht selten kritik am schulsystem, das so viele gefahren für soziale ungerechtigkeit und chancenungleichheit birgt, geübt, und mich gefragt, ob ich das system so stützen möchte. auch meine rolle als lehrkaft hab ich hinterfragt, mit dem großen gefälle zwischen den schüler*innen und mir: vonwegen wenn der kuchen spricht, sind die krümel leise. da hat sich schon ein ungutes bauchgefühl eingeschlichen. aber ich war ja recht alternativlos.

immerhin war ja meine schulzeit immer ganz in ordnung, das umfeld schule ist ein ganz nettes und dynamisches und die arbeit in einer freien schule mit unkonventionellem konzept, das auf eigenverantwortung- und initiave, kreatives lernen mit einem raum für individuelle entfaltung und selbstverwirklichung der heranwachsenden setzt, passen genau zu meinem ideellen weltbild. der perfekte beruf also. zumindest ganz ok in meiner vorstellung. meine familie freut sich auch, immerhin bin ich ja die einzige in der familie mit abitur und einem eventuellen akademischen abschluss. ich merke, dass meine motivation seit diesem semester schwindet. keine lust mehr auf seminarlektüre, auf portfolios mit begründungen für jede lernmethode und formulieren jedes lernzieles schon gar nicht. das hab ich doch schon so oft gemacht. hab ich keine lust mehr auf das studium oder auf den beruf, frag ich mich. ich merk jedenfalls, dass mir gar nicht mehr danach ist, die uni zu besuchen, außer für einen mensa-abstecher. generell frag ich mich seit den semesterferien öfter, wo ich eigentlich hingehöre. kein wunder, denn da hatte ich ja mal zeit, darüber nachzudenken. 

ich blühe gerade ziemlich auf. ich habe der uni in den letzten 2 wochen eine absage erteilt und mich nur dem gewidmet, was mir spaß macht. was für ein schönes gefühl, aufzuwachen und in meinem tempo in den tag zu starten. nach dem aufwachen ganz ruhig die gedanken kreisen zu lassen – das kann dann auch schon mal ein paar stündchen andauern. fühlt sich gar nicht nach unproduktivität an und ein schlechtes gewissen hat da auch keinen platz. ich hab das gefühl, ich tue mir was gutes, finde und erfinde mich neu und eröffne mir damit ganz neue möglichkeiten. freie zeit nutze ich effektiv nach meiner definition von effizienz. ich schlage ja auch keine zeit mehr damit tot, mir vorzunehmen, was für die uni zu machen. da ich mir auch nichts vorgenommen habe, mich nicht verabredet habe und mich auch sonst keine termine ereilen, fühl ich mich ganz frei und unabhängig.

„ich werde später nicht arbeiten.“

war mal wieder tanzen. die nächte sind mit dem wissen, dass ich am nächsten morgen nicht etwas müde im seminarraum sitze, noch ausgelassener. meine gedanken sind ganz bei der nacht. die realität war gerade ein dunkler raum, der aller paar sekunden erhellt ist von strobos. die harten bässe brachten uns vorwärts. 

zwischendurch saß ich mit anselm auf einem sofa. „machst jetzt erstmal dein ding, hab ich gehört. finde ich cool.“, sagt er. er studiert ganz pflichtbewusst soziologie. er kann eben keine halben sachen machen und was sollte er auch sonst gerade so tun, wenn nichts für die uni, sagt er. wir schwiegen ganz kurz. „ich werde später nicht arbeiten.“ höre ich von anselm. „wer sagt denn, dass armut was schlechtes ist.“ er habe ein buch über eine gesellschaft jenseits der arbeit gelesen. „after work- sinnvoll tätig sein statt sinnlos schuften.“ was für ein revolutionärer gedanke. sinnstiftung finden jenseits der ausbeutenden 40-stunden-woche, deren verfolgung meistens nur in einen strudel der unzufriedenheit und routine mündet. die who stuft stress als eine der größten gesundheitsgefahren des 21. jahrhunderts ein.

für ein produkt arbeiten, das nicht so in einem selbst liegt, fand schon marx nicht so cool. das entfremdet uns von uns selbst. de-individualisiert uns. weil wir uns gefügig machen, indem wir uns auferlegte arbeitsaufträge stumpf oder mal ein bisschen weniger stumpf ausführen – weil wir ja nen kreativen eigenanteil oder sowas leisten. selbstverwirklichung ist dabei doch aber eher schein als sein und eine wunschvorstellung, nach der getrachtet wird, um schön zu reden, dass uns doch just in der sekunde, in der wir gerade lohnarbeit ausführen, was schöneres einfallen würde. gärtnern, in einem ehrenamt bedürftigen menschen unter die arme greifen, die großeltern besuchen, karten spielen mit freunden, im bett liegend löcher in die wand starren. das buch weiterlesen, was aus zeit- und energiegründen irgendwann in die ecke des schreibtisches gelegt wird und dann wieder im bücherregal verschwindet, weil die anregenden zeilen, denen wir uns mal genussvoll gewidmet haben, wieder aus dem gedächtnis verschwanden. 

na wenigstens haben wir uns in dem ozean an möglichkeiten selbst ausgesucht, welcher arbeit wir nachgehen. also son bisschen selbstverwirklichung ist das ja schon. und ganz bestimmt auch gar nicht fremdbestimmt durch gesellschaftliche und elterliche erwartungen.

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das improtheater in der ostpassage und bei theaterpack sind ganz neue herausforderungen für mich – theater hat mir damals schon spaß gemacht, doch irgendwie hab ich das aus den augen verloren. die neu gewonnene freiheit gibt mir mehr elan. ich gehe dinge an. der zauber des anfangs, wie hesse ihn beschreibt, gibt mir ein ganz neues lebensgefühl.

im oktober hat mir meine schwester ihre nicht mehr bespielte gitarre mitgegeben, die ich aber seither nicht mehr angerührt habe. dafür ist jetzt ganz viel zeit und ich hab mich mal wieder daran versucht, blackbird von den beatles klappt schon zur hälfte. ich lese wieder viel mehr, mein steppenwolf lag schon ein paar wochen unangefasst auf meinem nachttisch und wird nun wieder ganz viel gelesen. ich befasse mich mehr mit musik, hab rausgefunden dass trance ziemlich cool ist und tanze dazu ganz frei und ausgelassen in der küche, nachdem ich 13 uhr gefrühstückt habe und meine mitbewohnis ausgereist sind. die uni hat die armen in ihren bann gezogen.

heute war ich noch bei einer ausstellungseröffnung – cool dass das möglich war, sonst hätte ich in der zeit ein seminar gehabt, in dem ich nach 10 min total apathisch dagsessen hätte.

dienstags um 20 uhr hab ich meine wöchentliche verabredung mit johannes bei unserem lieblingsimbiss, vorher bin ich 16 uhr beim improtheater in der ostpassage und 21 uhr beim impro bei theaterpack. das sind meine wöchentlichen ankerpunkte. letztere auch ganz ohne ergebnisdruck und gebunden-sein, immerhin kommt da ja eh kein stück zustande.

meine lebensqualität hat sich seit dem ich den entschluss gefasst habe, die uni erstmal beiseite zu schieben, ganz schön vervielfacht. ich blühe voll auf und mache endlich dinge, die ich sonst nicht angegangen wäre. 

mein arbeitgeber, für den ich nun noch ab und an tätig bin, sagte mir heute, dass es bald an der zeit ist, einen aufhebungsvertrag zu unterschreiben. dadurch, dass ich nur eine studentische aushilfskraft in einer leiharbeitsfirma für gastrotätigkeiten bin, muss ich zwei monate in einem jahr aussetzen, so sieht es der vertrag vor. na das kommt mir ganz gelegen. zum glück hab ich noch ein paar wenige ersparnisse, um diese zeit zu überbrücken. und um mir auch für diese zeit keinen übergangsarbeitgeber zu suchen.  um noch mehr von dem zu machen, worauf ich lust habe.

dem ausbeuterischen unternehmen wollte ich schon länger eine absage erteilen. schon absurd, dass ich arbeitskraft und zeit investiere, damit ich mir von dem hungerlohn konsumgüter kaufen kann, um die verlorene zeit zu kompensieren. in einem buch darüber, wie man geldfrei lebt, wurde das containern als alternative zum lebensmittel einkaufen gehen genannt. couchsurfing statt hotels. kleidertauschpartys statt shoppen. und wie ersetzt man den erholenden all-inclusive-urlaub auf gran canaria? einfach nicht arbeiten gehen! was hab ich gelacht. 

reicht es nicht einfach, die grundbedürfnisse befriedigt zu haben? wozu brauche ich den 10. nagelneuen pullover, die zweite uhr und ein neues handy, wenn meines doch noch funktioniert und das doch sowieso schon mehr tut als ich es eigentlich für die befriedigung meiner existenziellen bedürfnisse bräuchte. der kapitalismus suggeriert bedürfnisse, die wir nicht per se haben. die glücklichsten menschen sind nachweislich diejenigen, die zufriedenheit und antrieb aus dem sozialen miteinander ziehen. wir sind soziale wesen und neben den physischen grundbedürfnissen gehören die psychischen grundbedürfnisse befriedigt: wertschätzung, anerkennung, selbstwerterhaltung, nähe und bindung. 

eine kommune, das wär was! jede*r nach seinen individuellen fähigkeiten und bedürfnissen. selbstversorgung- und verwaltung. zugegeben, der gedanke ist noch nicht so ausgereift.

das leben ist ganz freudvoll. das machen, worauf ich lust habe. tag ein, tag aus. aber das stellt mich vor ganz viele neue fragen. kann ich mir gerade vorstellen, mein leben anders als so zu verbringen und was anderes zu tun als das, was mir spaß macht? möchte ich irgendwie fremdbestimmt leben, in einem gefüge, das von mir erwartet, etwas zu tun, was gar nicht wirklich in mir selbst liegt und nicht zu einhundert prozent von mir gewollt ist? 

ich musste heute zu einem termin bei meinem ehemaligen arbeitgeber. das war der erste termin nach einigen wochen, den ich wirklich wahrnehmen musste. es hat sich total falsch angefühlt, zur bahn zur traben und zeitlich gebunden zu sein. muss die bahn schaffen. muss mich beeilen. das waren meine gedanken. hab mich total eingeengt gefühlt, was auch ein bisschen absurd ist – immerhin kann es doch nicht so wild sein, wenigstens einen termin wahrzunehmen in einer zeit voller freiheit und eigenmotivationen. in den gesichtern meiner mitmenschen an der haltestelle hab ich puren stress gesehen. was für eine welt, in der jede*r mit tunnelblick von a nach b hetzt, den kopf voller aufgaben und terminen. da ist gar keine zeit, sich mit sich auseinanderzusetzen. herauszufinden, wofür man brennt. leidenschaften entwickeln, aufblühen, und das nur mit eigenem willen und intrinsischer motivation. 

 

aber was ist die konsequenz daraus? einfach nicht arbeiten gehen? irgendwie ein egoistischer gedanke. wie sieht es da mit unserer sozialen verantwortung aus für die gemeinschaft in dem staat, in dem wir leben? kann ich mich einfach an einen gedeckten tisch setzen und sagen, meine bedürfnisse stehen über dem gemeinwohl und der allgemein anerkannten lebensweise und deshalb schaffe ich mir jetzt eine systemimmanente nische, die alle pflichten und unannehmlichkeiten von mir weist? klingt nicht so stimmig für mich. 

mein tag startet wieder recht spät. bin gegen 11 uhr aufgewacht, schließe die augen noch ein bisschen, meditiere, nehme mein bauchgefühl wahr. was treib ich heute? möchte ich unter menschen oder für mich sein? möchte ich heute was schaffen oder möchte ich nur sein. aber eigentlich muss ich das jetzt auch noch gar nicht entscheiden. lebe wieder ein bisschen in den tag hinein, getreu der floskel: alles kann, nichts muss.

die pandemie hat an meinem rhythmus doch noch etwas verändert. die paar anlaufstellen, die ich bis vor zwei, drei wochen noch hatte, haben ihre pforten auf unbestimmte zeit geschlossen. wir stecken in häuslicher isolation und homeoffice-los wie ich bin schaue ich also, wo ich nun bleibe und was ich mit meiner zeit so anstelle. kreuzworträtsel, sudoku, puzzlen, die 13 1/2 leben des käptn blaubär, kochen bis zum abwinken und abhängen mit meinen mitbewohnis sind auch gar nicht so üble zeitvertreibe. der kommunengedanke wird durch unser schönes miteinander in unserer wohnung, in der wir eigentlich soweit alles vergemeinschaftlicht haben und in der jede*r was für alle tut, verstärkt. 

zwischenstand zu meiner mentalen verfassung: gelinde ausgedrückt, ich fühl mich nicht wohl in meiner haut. und das ist nun ein recht großer sprung. die freizeit sollte ganz im zeichen der selbstreflektion- und findung stehen. wo gehöre ich hin, wenn das, was ich in den letzten jahren gemacht habe, das womit ich mich identifiziere, wegbricht? wenn ich vor ganz vielen neuen hürden stehe? irgendwie bin ich mir meiner selbst nicht mehr so bewusst. ich fühle mich etwas verloren. 

wie viele songs auf der gitarre ich bis jetzt hätte lernen können! und nun bleibt es immer noch bei dem halben beatles-song und die ausgeliehene ukulele wurde nach ein paar zu schwierigen youtube-tutorials, deren schwall an informationen mich überfordert haben, frustriert weggelegt. zugegeben, ich war nicht immer der mental stabilste mensch. meine entwicklung bedingt, dass ich nicht immer mit dem größten selbstvertrauen ausgestattet war. hinzu kommt meine sprunghaftigkeit. ich begeistere mich für etwas, find in ein paar momenten gefallen daran, bemerke erfolgsergebnisse, die stagnieren nach und nach, ich bemerke meine eigenen grenzen und, dass ich eine langsame lernerin bin. und um mich in meinem selbstbild als unfähige person nicht zu bestätigen, hör ich wieder auf damit. gut gut, damit bin ich auch sicher nicht die einzige, ist nun kein unbekanntes phänomen. aber es nagt an mir.  

ich befand mich in einer endlosspirale an negativen gedanken und glaubenssätzen, die mich seit meiner kindheit begleiten. ich grüble und grüble. und komme zu keinem ergebnis. als würde ein aufnahmegerät meiner gedankenwelt immer wieder auf play drücken. und ganz viel zeit für mich zu haben ist nun auch keine lösung dafür. wenn ich mich ablenke, entfremde ich mich dann wieder von mir? oder ist das einfach ein zu willkommen heißender abwehrmechanismus, um sich selbst mal nicht zu ernst zu nehmen?

gestern und heute erging es mir ziemlich gut. meine tage waren ganz ausgelastet und habe mich mit meinen kleinen tagesaufgaben auch ziemlich produktiv gefühlt. ich merke tatsächlich, dass meine negativen gedanken und emotionen, sowie der strudel aus selbstreflektion- und kritik schwinden, je beschäftigter ich bin. beschäftigung ist das stichwort. das meint nicht unbedingt produktivität und effizienz und auch nicht ein „produkt“ hervorbringen, aber beschäftigt bin ich ja auch, wenn ich einen spaziergang mache. ich tue etwas, ich bewege mich, ich genieße achtsam die frische luft und meine umgebung. letzte woche hätte ich noch ein bisschen mein leid geklagt, wenn ich mich dazu aufgerafft hätte, meine gedanken und meine tätigkeiten niederzuschreiben.  

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wieso vertraue ich mir nicht selbst? erkenne ich jetzt erst meine eigenen grenzen oder hab ich das vorher nur alles nicht wahrgenommen, weil ich zu sehr unter strom stand. ists eigentlich sinnvoll mir immer den kopf darüber zu zerbrechen, ob das alles gut ist, was ich mach. irgendwie fehlt mir ne art feedback. bemerken dass ich gebraucht werde.

aufgewacht. 11:32 zeigt meine handyuhr an. ganz schön früh für meine verhältnisse. ich lieg noch ein bisschen im bett. meine mitbewohner*innen schauen mich nicht mit anklagenden blicken an, wenn ich so spät aus meinem zimmer trotte und guten morgen rufe. ich frühstücke um 14 uhr. höre einen podcast über popfeminismus, madonna ist da eine vorreiterin. hab mir noch nicht wirklich gedanken gemacht, wie es weitergeht heute, termine hab ich keine, wofür denn auch. bin gerade nur für mich selbst verantwortlich. fühl mich unbeschwert heute. lasse die gedanken schweifen.

gestern hab ich mir mit dem verdienten geld von der plasmaspende einen aquarelltuschkasten geholt. musste aber ein bisschen abwägen, ob ich mir das auch leisten kann, oder ich davon nicht doch lieber ein bisschen mehr obst für den wg-obstkorb besorge. mittlerweile ist geldfrei leben eine recht einfache sache geworden. weil es mich davon befreit, abhängig von lohnarbeit zu sein, um meine existenz zu sichern. stattdessen suche ich nach immateriellen und geldfreien alternativen, das zu tun. in den einkaufskorb kommt nur das nötigste, der wochenmarkt wird kurz vor ende besucht, da wird einem immer alles so günstig hinterhergeworfen. containern ist eines meiner hobbys geworden. konsum auf das nötigste reduzieren. den fokus auf die (grund)bedürfnisse legen, bescheidener werden, arbeitszeit ist lebenszeit. das möchte ich nicht eintauschen gegen konsum in allen formen und farben, der sowieso nicht darauf ausgerichtet ist, meine bedürfnisse in ihrer reinsten form zu befriedigen. 

chiara erzählt mir von ihrem onkel, der 24/7 in einem großen unternehmen arbeitet, 60-70 stunden in der woche. dauergestresst. na wenigstens fährt der zwei mal im jahr für ein paar tage in den urlaub.

mein morgen startet wie sonst auch so oft. meine mitbewohner*innen sitzen noch beim frühstück am tisch, brötchen liegen auf dem tisch, ich geselle mich dazu. nach und nach verschwinden alle in ihre zimmerchen. „ich geh mal uni machen“. irgendwie hab ich auch ein bisschen lust darauf, mich an meinen schreibtisch zurückzuziehen und kram zu machen, den ich mir mal nicht selbst ausgesucht habe.

hab echt keine energie, mir gedanken darüber zu machen, was ich heute mache. und kraft was zu machen hab ich irgendwie auch nicht. ziehe mich ein bisschen zurück. 

hab mir heute mein fahrrad geschnappt und bin einfach losgedüst. der westen leipzigs hat mir angetan. im auwald tanke ich meine energie wieder auf. atme die frische waldluft und nehme einfach wahr. 

heute rief mich ganz überraschend mein vater an. seit jeher ist er ein „klassischer“ arbeiter, meist lagerarbeit. ich erzähle ihm, was gerade meine meinung zur lohnarbeit ist. er sagt scherzhaft: „klar, arbeiten ist nicht schön. ich mach das schon mein ganzes leben lang. aber irgendwie gehört es ja zum leben dazu. sonst vegetiert man ja auch nur vor sich hin.“ ich lache.

ich merke immer mehr, was ganz viel freizeit mit mir so macht. zwischen glückseligkeit über die neu gewonne freiheit, das austoben mit all den facetten, tut sich langsam ein immer größer werdender raum auf, der ganz viele gelegenheiten für das mich-zerdenken bringt. wer bin ich? worin bin ich gut? was kann ich vollbringen? was ist meine identität? wohin gehöre ich? die frage nach meiner identität, nach meiner bestimmung, kommt nach dem abbruch meines studiums öfter auf. die antwort auf die frage, was ich so mache, war bis ende letzten jahres total einfach. ich studiere eben lehramt. 

mehr muss ich da auch nicht erklären, ich muss mich nicht erklären.

wir hatten heute wieder ein paar wg-castings für das leer werdende zimmer im juni. die beginnen oft mit der obligatorischen fragerunde, was denn jede*r so macht. wieso ist das denn immer so wichtig, frage ich mich. Wie wäre es mit „wer bist du so?“ statt „was machst du so?“ also implizit:  „wie weit oben bist du denn schon auf der karriereleiter?“ .

sitze mit meinem freund johannes bei leckerer veganer lasagne in unserer wg-küche. lasse mich darüber aus, dass ich total genervt bin von der täglichen frage danach, was ich denn so mache. 

natürlich ist mir auch bewusst, dass ich, wäre ich mehr im reinen mit meinem „status“, nicht so an die decke gehen würde deshalb. dann wär es eben einfach nur ne langweilige einstiegsfrage und kein persönlicher momentaner triggerpunkt. 

 

später ruft mich johannes an. „ey jasmin. wenn dich jemand fragt, was du so machst- du antwortest einfach: mein ding.“

ich komme der frage, warum ich mir gerade noch weniger vertraue als sonst, etwas auf den grund.

kunstgeschichte, das klingt doch ganz spannend.

ich schaue auf die uhr. es ist 22:02, mein chef hat mir das „go“ zum feierabend machen gegeben. das war also mein probearbeitstag. „danke für deine mithilfe! bis die tage!“ sind die worte meiner kolleg*innen, nachdem ich nach 8 stunden des servierens und getränke-machens bestärkt und ganz froh über meine neue arbeitsstelle die türschwelle überquere. ich fahre mit meinem fahrrad über die belebte karl-heine-straße. ich fühle mich gut. die worte meines chefs „wir sind von dir überzeugt, hast du lust, bei uns zu arbeiten?“ gehen mir ein paar mal durch den kopf. oh, ich denke wieder. und das nachdem ich für ein paar stunden ganz abschalten musste, damit ich konzentriert die mir aufgetragenen aufgaben erledige. servietten falten hat was ganz schön meditatives. 

hab recht lange nicht mehr vor mich hin gegrübelt – das letzte mal heut morgen vor der arbeit.